SPP Ausschreibung
Sprachlautliche Kompetenz:
Zwischen Grammatik, Signalverarbeitung und neuronaler Aktivität
Ziel des Schwerpunktprogramms ist die Erforschung der sprachlautlichen kognitiven, artikulatorischen und perzeptiven Fähigkeiten des Menschen. Die Untersuchungen stehen im Schnittpunkt zwischen den in der Phonologie erforschten Lautsystemen, dem durch die Phonetik und Psycholinguistik etablierten Wissen über Artikulation, Perzeption und Spracherwerb und den in der Neurolinguistik untersuchten neuronalen Korrelaten sprachlautlicher Verarbeitung.
Den Hintergrund dabei bilden:
- Neue Ansätze in der Theoriebildung zwischen diesen Disziplinen, insbesondere Theorien, die Vorhersagen zur Summierung über Einzelvorkommen von Äußerungen und der im Zusammenhang damit stehenden kognitiven Realität machen (Theorie der Exemplare, probabilistische Linguistik), die Minimierung von artikulatorischem und perzeptivem Aufwand im Verständnis phonologischer Lautmuster sowie in der Modellierung phonetischer Beobachtungen wie der Koartikulation (Dispersionstheorie, funktionale Phonologie), constraintbasierte Theorien zur Phonologie und deren funktionaler Fundierung, sowie Theorien über die temporale und quantitative phonetische Abbildung der Töne in der Intonation.
- Die Möglichkeit des neuen Einsatzes moderner Methoden, insbesondere artikulatorischer Messungen wie der Elektropalatographie (EPG), der elektromagnetischen Artikulographie (EMA) und der Laryngographie; neurophysiologischer Methoden wie der Elektroenzephalographie (EEG), der Magnetenzephalographie (MEG) und der funktionellen Kernspintomographie (fMRI); neuerer Verfahren zu gesprochenen Korpora; und der kreative Einsatz akustischer Messungen auf neue Fragen.
Zu untersuchende Fragestellungen betreffen insbesondere
- Mentale Lexikoneinträge: deren Bezug zur artikulatorischen Realität und zur akustisch-perzeptiven Erkennung des Lexikoneintrags, die Frage nach deren diskreter oder summarisch-akustisch-perzeptiver Natur, und Fragen nach deren Entstehen im Spracherwerb.
- Laute und Lautklassen (phonologische Merkmale), sowie deren phonologische Veränderungen: deren Korrelate in der Artikulation, Perzeption, und in sprachbezogenen Arealen des Kortex.
- Prosodische Konstituenten (Silbe, Fuß, prosodisches Wort, phonologische Phrase, Intonationsphrase, prosodische Äußerung) sowie die diesen entsprechenden Betonungsmuster und andere Eigenschaften: deren artikulatorische Konsequenzen, Rolle in der Wahrnehmung, neurologische Korrelate, Rolle beim Spracherwerb und Interaktion mit der Syntax.
- Töne in der Intonation: deren akustische Konsequenzen in Abhängigkeit von prosodischen Konstituenten und Betonung sowie deren Wahrnehmung im Vergleich etwa mit der Wahrnehmung von Segmenten oder mit der Wahrnehmung von Tönen
in Tonsprachen.
Beiträge zum Schwerpunktprogramm sind empirische Untersuchungen, die (a) sich an der phonologischen Theoriebildung orientieren, insofern sie entweder empirisch zu den kognitiven, artikulatorischen, oder akustisch-perzeptiven Konsequenzen der phonologischen Elemente (diskrete mentale Lexikoneinträge, Laute, Merkmale, prosodische Konstituenten) beitragen, oder andersherum darauf angelegt sind, die Grenzen der Nützlichkeit dieser Abstraktionen in Bezug auf die Erklärung kognitiver, artikulatorischer oder akustisch-perzeptiver Phänomene nachzuweisen und alternative Konzeptionen verfolgen. Die Beiträge sollen (b) an Ergebnissen der Phonetik, Psycholinguistik und/oder Neurolinguistik anknüpfen. Erwartet werden insbesondere auch Beiträge, die phonologische Theoriebildung und kognitive, artikulatorische oder perzeptive Beobachtungen in ein empirisch überprüfbares Verhältnis zueinander setzen. Historisch-linguistische und typologisch-linguistische Untersuchungen sind willkommen, soweit sie über die Fragestellungen historischen Wandels bzw. typologischer Verbreitung hinausgehen und einen unmittelbaren Beitrag zu den synchron kompetenzorientierten Fragen des Schwerpunktprogramms leisten.
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